Die Psychologie einer Rally

Das ewige Wechselspiel zwischen den Anleihemärkten und den Aktienmärkten lässt eine gewisse Regelmäßigkeit erkennen, die im Zusammenhang mit der Psychologie der Anleger durchaus Sinn macht. Daraus lassen sich vortreffliche Prognosen ableiten – zumindest für die Fälle, in denen alles so läuft, wie immer. Heute geht es um die Frage, wie eine Aufwärtsbewegung in eben diesem Wechselspiel idealtypisch verläuft. Um eins vorweg zu nehmen: Bis einschließlich heute ist dieser typische Verlauf in den deutschen Märkten eindeutig zu erkennen und das lässt den Schluss zu, dass sich die Märkte auch weiterhin entsprechend den bekannten Vorgaben entwickeln.

Um die Logik hinter einer Aufwärtsbewegung zu verstehen, hilft eben der Vergleich zwischen Anleihe- und Aktienmärkten. Welcher dieser Märkte ansteigt oder fällt, wird von der Anlegerpsychologie entschieden. Dazu die beiden wichtigsten Fragestellungen: Erstens: Welcher dieser Märkte hat das beste Rendite/Risikoverhältnis?

Ein Beispiel dazu: Durchschnittlich soll man im DAX angeblich 7 % Rendite pro Jahr erzielen können. Doch in den letzten 10 Jahren war es nicht möglich, eine solche Rendite ohne beständiges Umschichten zu erreichen. Es existiert also ein gewisses Risiko, wenn Sie im Aktienmarkt Geld anlegen. Wenn Sie nun im Anleihemarkt mit sicheren Staatsanleihen 5 % Rendite erzielen können und das ohne Risiko, für welche Rendite würden Sie sich entscheiden? Verzichten Sie auf 2 Prozentpunkte um risikolos Rendite zu erwirtschaften oder gehen Sie das Risiko Aktienmarkt ein?

Den meisten institutionellen Anlegern stellt sich die Frage jedoch etwas anders: Wie hoch gewichten diese ihren Aktien- und wie hoch ihren Anleiheanteil im Depot. Bei einer Rendite von 5 % für Staatsanleihen wird der Depotanteil im Anleihemarkt deutlich zulegen, während der im Aktienmarkt sinkt. Da viele so denken, wird also Geld aus dem Aktien- in den Anleihemarkt fließen, wenn die Zinsen ein solches Niveau erreichen.

Das zeigt, dass der Geldfluss zwischen Aktien- und Anleihemarkt einer gewissen Gesetzmäßigkeit unterliegt: Je höher die Zinsen, desto mehr Geld fließt aus den Aktien- in die Anleihemärkte. Je niedriger die Zinsen, desto mehr Geld fließt aus den Anleihe- in die Aktienmärkte. Aus diesem Grund sind niedrige Zinsen meistens gut für die Aktienmärkte, während hohe Zinsen eine Gefahr für eine Rally darstellen.

Aber es gibt noch einen zweiten Punkt: Angst und Gier. Wie wir in der aktuellen Situation sehen, kann es sogar trotz niedriger Zinsen dazu kommen, dass immer noch viel Geld in die Anleihemärkte fließt. Dann nämlich, wenn viele Marktteilnehmer und Anleger, sowie institutionelle Investoren Angst haben! Angst vor den drei großen K`s: Krisen, Kriege, Katastrophen.

Umgekehrt kann es sein, dass trotz hoher Zinsen nur wenig Geld in die Anleihemärkte fließt. Das geschieht, wenn die Euphorie einer Aktienhausse das Hausfrauenrally-Niveau erreicht. Ende 1999 und Anfang 2000 wollte niemand, trotz zum Teil höchst ambitionierter Bewertungen von Aktien, langweilige Staatsanleihen besitzen, obwohl diese damals sehr attraktive Renditen boten.

Die beiden oben genannten Punkte, die mit der Entwicklung von Anleihe- und Aktienmärkten zu tun haben, sind also offensichtlich psychologischer Natur. Und da wir wissen, dass wir Menschen doch einfacher gestrickt sind, als eigentlich wünschenswert wäre und wir oft immer nach gleichen Mustern handeln, sollte es nicht abwegig sein, in dem Hin und Her zwischen Anleihe- und Aktienmarkt wiederkehrende Strukturen zu erkennen.

Und tatsächlich, diese Muster finden sich. Dazu habe ich hier einmal den DAX der letzten 10 Jahre mit dem Bund-Future verglichen. Dazu ein Hinweis: Der Bund-Future spiegelt die Entwicklung der Zinsen invers wieder. Je höher der Bund-Future notiert, desto niedriger stehen die Zinsen und umgekehrt.

Im oberen Chart sehen Sie die Entwicklung des DAX (rote Linie) und die des Bund-Futures (schwarze Linie) von 1999-2008, im unteren Chart von 2007 bis heute. Es werden also jeweils der Crash und die anschließende Aufwärtsbewegung in diesen Jahren dargestellt.

Und tatsächlich kann man drei Phasen erkennen.

1. Phase (rotes Rechteck)

Im roten Rechteck ist der Aktien-Crash noch voll im Gange. Der Bund-Future bildet in dieser Zeit einen Boden aus und fängt im letzten Drittel der Krise an, deutlicher zu steigen (dementsprechend sinken die Zinsen). Dann nämlich, wenn die Anleger das Vertrauen in die Aktienmärkte verlieren und ihr Geld in den Anleihemarkt umschichten. Hier erkennt man eine typisch menschliche Reaktion der privaten Anleger, die aus drei Komponenten besteht: Störrisches Negieren, verzweifeltes aber tatenloses Hoffen, hektisches und panisches Reagieren.

Nachdem man jahrelang gute Gewinne mit der alten Rally gemacht hat, brechen die Kurse ein. Zunächst ist natürlich noch nicht klar, dass es sich um einen Crash handelt. Es könnte schließlich auch eine einfache Konsolidierung sein. Aber auch wenn schon deutlicher geworden ist, dass etwas nicht mehr stimmt, wird immer noch an der alten bullishen Haltung festgehalten. „Das kommt schon wieder!“, hört man, und manche ehemalige Tradingposition rutscht ins „Langfristdepot“.

Gehen die Verluste weiter, wird aus dem Negieren Verzweiflung. Seltsamerweise führt das aber nicht dazu, dass gehandelt wird. Viele Anleger erleiden in dieser Situation eine Art Angststarre und tun nichts, außer verzweifelt zu hoffen.

Erst in der dritten Phase, wenn die Verluste allzu schmerzhaft sind, werden die letzten Positionen verkauft und erst dann wird das Geld in die „sicheren“ Anleihemärkte umgeschichtet. Und somit sieht man erst in dieser dritten Phase, also im letzten Drittel eines Crashs einen deutlicheren Anstieg im Bund Future (siehe beide roten Rechtecke.)

Logisch ist also, dass die Rally im Bund-Future bereits deutlich bevor die Aktienmärkte einen Boden ausbilden, startet. Während der Boden in den Aktienmärkten gefunden wird, sind die meisten Anleger immer noch damit beschäftigt, ihr Geld aus den Aktienmärkten in die Sicherheit der Anleihemärkte zu bringen. Und damit treten wir in die zweite Phase ein:

2. Phase (blaues Rechteck)

In der zweiten Phase steigen die Aktien- und die Anleihemärkte oft parallel. Das hat mit zwei Faktoren zu tun: Zunächst werden in einem Crash in den meisten Fällen die Leitzinsen gesenkt. Das führt dazu, dass mehr Geld in Umlauf kommt, das angelegt werden will. Ein Teil dieses Geldes landet in den Anleihemärkten. Dies deshalb, weil in dieser zweiten Phase die normalen Anleger dem Boden und damit der jungen Rally nicht trauen. Tatsächlich ist diese zweite Phase zumeist von weiteren Erschütterungen, die direkte oder indirekte Folgen des Crashs sind, geprägt. Das können politische, wirtschaftliche und andere Probleme sein (aktuell z.B. Staatsverschuldung, u. ä.). In dieser Zeit haben also viele Anleger „Angst“ und suchen deswegen eher die Sicherheit von Staatsanleihen und das trotz niedriger Zinsen.< /p>

Sofern die Erschütterungen dieser Zeit nicht so gravierend werden, dass sie die Aktienrally abwürgen, wird trotz der allgemein verbreiteten Ängste und der negativen Berichterstattung in den Medien der Anstieg der Aktienkurse weiter gehen. Und dieser trotzige Anstieg der Aktienkurse, scheinbar gegen jede Vernunft angesichts der immer noch prekären Lage, ist das Typische für eben diese zweite Phase. Mit diesen immer weiter steigenden Kursen begreifen immer mehr Anleger (meistens wieder erst im letzten Drittel dieser Phase), dass man am Aktienmarkt mehr Rendite erwirtschaften kann, als bei den aktuell sehr niedrigen Zinsen. Und damit rutschen wir in die dritte Phase.

3. Phase (grünes Rechteck)

Die dritte Phase ist von Gier gekennzeichnet. Mittlerweile hat der Aktienmarkt einen erheblichen Anstieg hinter sich. Derweil sind die Zinsen gleichzeitig immer weiter gesunken. Zunächst kommt es zu einer Gewöhnung an die Krisen, also einer Art „Krisenmüdigkeit“. Etwas später werden die meisten Krisenherde sogar tatsächlich beseitig oder treten in den Hintergrund (typisches Thema dafür interessanterweise: Staatsverschuldung).. Für die Anleger bedeutet das: Eine hohe Rendite auf dem Aktienmarkt in einem scheinbar sicheren Umfeld steht einer niedrigen Rendite auf dem Anleihemarkt entgegen. Somit entscheiden sich immer mehr Anleger dafür, ihr Geld aus dem Anleihemarkt nach und nach abzuziehen, um es in die Aktienmärkte zu investieren.

Diese dritte Phase führt damit zu einem fallenden Bund-Future (und damit nach langer Zeit zu wieder steigenden Zinsen) und einem meist sehr dynamischen Anstieg im Aktienmarkt (Euphorie-Phase). Das sieht man schön in dem oberen grünen Rechteck.

Auch wenn Sie sich den Chartvergleich anschauen, wird klar, dass wir uns am Ende der zweiten Phase befinden. In den nächsten Wochen / Monaten werden wir in die dritte Phase übergehen. Deutlich ist zu erkennen, dass der Bund-Future mittlerweile Schwäche zeigt, während der Kurs des DAX massiv anstiegt. Die Auflösung des bisherigen Gleichlaufs ist das entscheidende Zeichen für den Eintritt in die dritte Phase (und das ist natürlich auch der Grund für diesen Text heute).

Wenn die Schuldenkrise in der EU egal auf welche Art und Weise gelöst wird oder in den Hintergrund rückt, müssen wir also davon ausgehen, dass irgendwann in den nächsten Wochen und Monaten die typische dynamische Aktienrally der dritten Phase einsetzt. Und dann sollten Sie unbedingt dabei sein!

Interessanterweise passt dieses Szenario wiederum zum bekannten US-Präsidentschaftszyklus (ich hatte hier davon berichtet). Das Vorwahljahr (übernächstes Jahr finden wieder US-Präsidentschaftswahlen statt) zählt zu den besten Jahren für die Aktienmärkte.

Fazit

Natürlich sind die Schuldenkrisen und andere Krisenthemen ernstzunehmende Faktoren, die im Fall einer Eskalation jede Rally im Keim ersticken könnten. Aber grundsätzlich verläuft das Wechselspiel zwischen Anleihemarkt und Aktienmarkt sowie die aktuelle Rally trotz (oder gerade wegen) dieser Krisen noch genauso, wie es soll. Und das ist beachtlich genug! Betrachten Sie dazu einfach in Ruhe den obigen Chartvergleich.

Solange die aktuelle Entwicklung der Anleihe- und Aktienmärkte weiter derart idealtypisch verläuft, müssen wir einfach von der Euphorie-Rally ausgehen – egal, was Sie auch gerade in den Medien hören.

Natürlich muss man trotz dieser eindrucksvollen Fakten immer vorsichtig bleiben. Wie gesagt, die Krisen sind in der zweiten Phase real und gefährlich. Das müssen sie sein, sonst würden sie nicht so viele Menschen davon abhalten, Aktien zu kaufen. Und niemand kann Ihnen versprechen, dass diese Krisen nicht doch eskalieren und zu einem Börsencrash führen. Aber Sicherheit gibt es an den Börsen nicht, es bleibt ein Spiel mit den Wahrscheinlichkeiten…(Quelle: stockstreet.de)

Viele Grüße

Jochen Steffens

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