Die Luftfahrtbranche im Wandel – Boeing, Airbus, Lufthansa, Rolls-Royce, MTU, GE Aviation, EADS..

Die internationale Luftfahrtindustrie positioniert sich aktuell in Farnborough und ist mit allem auf dieser besonders interessanten Luftfahrtmesse vertreten, was Rang und Namen in der Aviation-Branche hat. Die Luftfahrtbranche ist im Umbruch, es geht um Märkte, Marktanteile und Bedürfnisse der Kunden, aber auch um neue Werkstoffe und Energieeffizienz.

Trader mit Interesse an der Luftfahrtindustrie sollten wissen, dass Analysten in der Aviationbranche bevorzugt mit der SWOT-Analyse operieren. Die SWOT-Analyse (engl. Akronym für Strengths (Stärken), Weaknesses (Schwächen), Opportunities (Chancen) und Threats (Risiken)) ist ein Instrument der Strategischen Planung und ist „Kind“ der Harvard Business School. Vereinfacht ausgedrückt ist die SWOT-Analyse eine Kombination aus Unternehmensanalyse (der  Suche nach Stärken und Schwächen) und der sogenannten Umweltanalyse (der Suche nach den strategisch relevanten Chancen und Risiken); sie dient der Positionsbestimmung und der Strategieentwicklung von Unternehmen und anderen Organisationen und gilt als eine der wichtigsten Methoden der strategischen Analyse. Praxisbewährt wird die Analysemethode SWOT beispielsweise im Zusammenhang mit der Volkswagen AG genannt.

Es ist kein Geheimnis, dass auch die Bundesregierung mit dem Instrument der SWOT-Analyse zur Bewertung und Einschätzung der Luft- und Raumfahrt operiert, etwa im Zusammenhang der Umsetzung der „High-Tech-Strategie für Deutschland.“ Die Bundesregierung implementierte für jedes Innovationsfeld eine sogenannte SWOT-Analyse zur Bewertung der Stärken und Schwächen sowie der Chancen und Risiken vor.

Die großen Hersteller und Marktführer Boeing und Airbus:

Boeing hat gut vorgelegt und punktet vor allem mit der Innovation vom Typ Boeing 787 „Dreamliner“, einem zweistrahligen Langstrecken-Jet mit einer Sitzplatzkapazität für 200 bis 300 Passagiere; für die Mehrzahl der Analysten sieht es erstmals seit vier Jahren danach aus, das Boeing dieses Jahr wieder mehr Flugzeuge ausliefern wird, als der Konkurrent auf Augenhöhe, Airbus, dies wird tun können. Der „Dreamliner“, der Wundervogel aus Kohleverbundfaser, den Boeing erst seit einem halben Jahr ausliefert, besticht mit neuster Werkstofftechnik und Energieeffizienz. Und genau das ist aktuell bei den Kunden und Airlines besonders nachgefragt. Mehr als 800-mal hat Boeing den neuen Superflieger vor der Erstauslieferung verkauft. Ein um 21 % reduzierter Spritverbrauch gegenüber dem Vorgängermodell Boeing 767 ist ein kaum zu schlagendes Verkaufsargument. Boeing setzt bei der Optimierung des Dreamliners auf eine enge Kooperation mit dem Triebwerkherstellers Rolls-Royce Plc.

Zudem setzt Boeing im Konkurrenzkampf zwischen seinem Mittelstreckenjet 737-MAX und dem Airbus A320neo auf eine größere Reichweite. Dank der sparsameren Triebwerke und aerodynamischer Verbesserungen soll die Maschine je nach Ausführung gut 6.500 Kilometer weit fliegen können und damit bis zu 1.000 Kilometer weiter als die herkömmliche 737-NG. Der  Typ 737-MAX sollte nach Einschätzung der Vertriebsleitung von Boeing die ähnlich großen Airbus-Modelle weiterhin hinter sich lassen. Programmchefin Beverly Wyse hofft, die Langversion 737-MAX-9 könne sogar den betagten Langstreckenjet 757 ersetzen.

Konkurrent Airbus sucht nach einer zwischenzeitlichen Auftragsflaute für die größere Version des Hoffnungsträgers A350 neue Märkte und Kunden, vorzugsweise im asiatischen Großraum. Im Gespräch ist Cathay Pacific aus Hongkong, vermelden Brancheninsider. Cathay Pacific soll bereits 36 Einheiten des Basismodells A350-900 geordert haben und könnte jetzt zusätzlich die größere Version A350-1000 bestellen oder alternativ die alten Orders umwandeln, berichten Branchenkreise. Airbus sowie Boeing dürften mit Blick auf die starken Turbulenzen in der Luftfahrtbranche nicht unzufrieden sein. Die Auftragsbücher beider Hersteller  sind schon jetzt so prall gefüllt, dass Airlines durchschnittlich 7 Jahre auf eine modernisierte Version der A320 oder der B737 warten müssen. Um die Flut der Bestellungen zu bewältigen, müssen Airbus und Boeing ihre Produktion darum massiv ausweiten – prognostiziert um rund 45 % in den kommenden 3 Jahren.

Airbus hat aber Material- und Qualitätsprobleme beim Großraum-Jet A380, nämlich Risse im Inneren der Tragflächen. Die Kunden und Airlines von Airbus sind verärgert. Rund 8 Wochen werden Fluglinien auf Airbus-A380-Maschinen verzichten müssen, damit die Reparaturen an den Flügeln ausgeführt werden können. Airbus relativiert das hausgemachte Problem: die Reparaturen könnten auch in mehreren Etappen durchgeführt werden, erklärt die EADS-Tochter. So könnten die Maßnahmen während der regulären Wartung der Maschinen durchgeführt werden. Die umfangreiche Prüfung, der sogenannte C-Check, erfolgt bei dem Großraumflugzeuge alle 2 Jahre. Im vergangenen Jahr waren diverse Risse im Inneren der Tragflächen entdeckt worden. Für die Reparaturarbeiten hat die European Aeronautic  Defence & Space 105 Millionen Euro in die Bilanz 2011 eingestellt und schraubte die Kostenprognose nach oben. Bis zum Jahresende 2012 könnten sich die Kosten auf etwa 260 Millionen Euro summieren.

Sorgenkind Nr. 2 bei Airbus: der Airbus A400M soll den gestiegenen Anforderungen an militärische Lufttransportleistungen gerecht werden. Als „strategischer Transporter“ soll er durch hohe Reichweite, Geschwindigkeit und Ladekapazität, einen geräumigen Laderaum und flexible Einsatzmöglichkeiten den europäischen Streitkräften die Möglichkeit geben, bei auftretenden außereuropäischen Krisen schnell zu reagieren und große Mengen von Material und Personal zu verlegen. Gegenüber den Typen, die die A400M ersetzt, werden sich Nutzlast und Reichweite etwa verdoppeln. Die Produktion ist jedoch erheblich in Rückstand geraten und die Kostenfrage droht auszuufern. Kritiker bemängeln zudem, dass trotz der gegenüber der „Transall“  und „Hercules“  erheblich gesteigerten Reichweite und Nutzlast die Bezeichnung „strategischer Transporter“ technisch nicht gerechtfertigt sei, sondern lediglich eine politisch gewollte Bezeichnung darstelle. Die A400M ist mit vier Turboprop-Triebwerken ausgestattet und zeichnet sich gegenüber den von ihr zu ersetzenden älteren Typen durch eine sehr viel höhere Nutzlast und Reichweite aus. Der Airbus A400M kann zwar aktuell nur eine Bestellliste für 174 Einheiten aufweisen, hat anderseits allerdings sehr gutes Potential als zukünftiger, globaler Exportschlager.

Ein strategischer Pluspunkt kann indes für Airbus die Neuansiedlung eines Produktionswerkes in den USA sein, um mit der Erschließung dieses wichtigen Marktes der Aviation-Industrie direkt Kunden akquirieren und sehr kurzfristig bedienen zu können. Damit folgt die Luftfahrtindustrie der Unternehmens- und Vertriebsstrategie der Automobilhersteller. Die EADS-Tochter hat jetzt bekanntgegeben, von 2015 an Flugzeuge der A320-Familie in Mobile, Bundesstaat Alabama, fertigen zu wollen. Drei Jahre später sollen jedes Jahr 40 bis 50 Maschinen an Kunden übergeben werden. Bereits im kommenden Jahr wird mit dem Bau der neuen Produktionshalle begonnen, aus der 2016 der erste fertige Jet rollen soll. Die Investitionen sind mit rund 600 Millionen USD veranschlagt. Der US-Bundesstaat Alabama lockt mit Subventionen im Umfang von 158 Millionen USD. Alabama habe einem “teuren” Paket von Anreizen zugestimmt, um Airbus zu gewinnen, sagte Gouverneur Robert Bentley auf der Luftfahrtmesse in Farnborough. Das könnte sich mittelfristig zu einer Win-win-Situation entwickeln.

 

Die Airlines:

Virgin Atlantic setzt auf die modernisierte Version der Boeing B737: 23 Bestellungen. Cathay Pacific setzt auf Airbus: 36 Einheiten A340-900. Die japanische Fluggesellschaft ANA beabsichtigt in den kommenden Tagen 2,6 Milliarden USD bei den Shareholdern zu akquirieren, als Startkapital für einen radikalen Neubeginn. Monat für Monat treffen nagelneue Maschinen vom Typ Boeing 787 „Dreamliner“ in Tokio ein, seit Januar fliegt der „Dreamliner“ täglich nach Frankfurt. 6 Maschinen sind bislang im Einsatz, 49 weitere Einheiten beabsichtigt ANA in den kommenden Jahren in die neue Flotte einzustellen. Die amerikanische Flugzeugleasinggesellschaft Air Lease (ALC) orderte 75 Maschinen des Typs Boeing 737 „Max.“ Der Listenpreis für diese Order soll bei  7,2 Milliarden USD liegen.

Lufthansa AG hat jetzt als weltweit erste Fluggesellschaft da neu entwickelte Langstreckenflugzeug vom Typ Boeing 747-8 in Dienst gestellt. Das Langstreckenflugzeug zeichnet sich durch geringere Lärmbelastung, weniger Treibstoffverbrauch und deutliche reduzierte CO2-Emissionen aus. Bis 2015 will die Lufthansa AG 20 dieser neuen transfluid Maschinen in ihre Flotte integrieren.

Überdies hatte das LH Konzernmanagement das Sparprogramm „Score“ aufgelegt, um den Konzern bis 31.12.2014 wieder profitabel zu machen und um das Betriebsergebnis 1,5 Milliarden Euro zu verbessern. Dem Management der LH AG geht es um Konsolidierung und um die strategische, zukunftsfähige Ausrichtung in der Luftfahrtbranche. Da Personalkosten einen Löwenanteil der jährlichen Gewinn- und Verlustrechnung ausmachen, sucht die LH AG nach der richtigen Balance zwischen Sparprogramm „Score“ und „Risk Sharing“; bei nahezu allen globalen Airlines wird als weitere Kostensenkungsmaßnahme der schrittweisen Abbau von Überhangsstellen ebenso in Betracht gezogen, wie der Einsatz neuer personalpolitischer Maßnahmen (Leiharbeiter, ähnlich der Automobilindustrie). Im Rahmen von SWOT gilt sich dies als positiver Erfolgsfaktor für die geplanten Sparmaßnahmen. Äußere Faktoren, welche die Profitabilität vorantreiben könnten, seien gestiegene Ticketpreise und der zuletzt gesunkene Ölpreis am Markt.

Für eine Branche der Luftverkehrsgesellschaften, die mittlerweile mehr als die Hälfte ihrer Erlöse für Kerosin ausgibt, sind Einsparungen eine Überlebensfrage.  Die Airlines müssen zum einen ihre Flotten modernisieren, um bei hohen Kerosinkosten weiterhin wirtschaftlich zu fliegen. Andererseits können sie sich das nur mit massiven Sparprogrammen leisten. Wichtige Industriestaaten stecken in der Rezession. Überdies belasten zusätzliche Steuern und Abgaben die Bilanzen.

 

Die Profiteure: Triebwerkshersteller sowie Luftfahrt-und Aftermarket-Support-Dienstleister :

Rolls-Royce Plc ist hervorragend aufgestellt  und bedient mit dem Upgrade „Trent 1000“ Triebwerk die zukünftige „stretched version“  des Typs 787 „Dreamliner.“ Aber auch andere Triebwerkshersteller wie GE und MTU profitieren von der Nachfrage der Fluggesellschaften nach spritsparenden Jets.

GE Aviation ist auf Düsentriebwerke für den kommerziellen und militärischen Gebrauch spezialisiert. Darüber hinaus stellt das Unternehmen Bordelektronik sowie elektronische und mechanische Systeme für die Luftfahrt her. Für die deutschen Kunden bietet GE Aviation eine breite Palette von Produkten und Originalersatzteilen für zivile und militärische Einsatzzwecke, triebwerks- und flugzeugbezogene Dienstleistungen sowie Forschungs- und Entwicklungstätigkeiten. 2010 begann die neue Niederlassung GE Aviation in Regensburg mit der Produktion von Turbinenschaufeln aus einem besonderen Leichtbaustoff, die in GEs neuestem, treibstoffeffizientem Flugzeugtriebwerk GEnx zum Einsatz kommen.

Luftfahrt-und Aftermarket-Support-Dienstleister konzentrierten sich  vor allem im Segment Support-Services und Luftfahrt-Ersatzteilmarkt und bedienen die Wirtschaft und die allgemeine Luftfahrtindustrie. Im Service: Betankung, Ground Handling und andere Dienstleistungen für die allgemeinen und kommerziellen Luftfahrtmärkte. BBA Aviation plc mit Sitz in London und mehr als 200 Standorten auf fünf Kontinenten ist einer der führenden globalen Luftfahrt-und Aftermarket-Support-Dienstleister. Das Unternehmen produziert und unterstützt Motoren-und Raumfahrt-Komponenten, Subsysteme und Flight-Systeme. Die Geschäftsaktivitäten sind in zwei Segmente gegliedert, dem Flight Support und Aftermarket Services.

 

Die Bewertung: Analystenmeinungen 

Boeing Votum „buy“: Mit dem Anstieg auf 60,46 hat Boeing am 09.07.2012 ein neues 3-Jahres-Hoch erreicht und damit den Kurs vom 05.07.2012 eingestellt, das spricht für die Strategie von Marktpräsenz von Boeing. Boeing liefert den Kunden das, was an den Märkten besonders nachgefragt wird. Den mit kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff Energiesparer „Dreamliner.“ Insbesondere Analysten in den USA stufen die Aktie von Boeing (ISIN US0970231058/ WKN 850471) mit dem Votum „buy“ ein. Das Kursziel wird bei 87 USD gesehen.

Airbus EADS (European Aeronatuic Defence and Space Company) Votum ist uneinheitlich; UBS AG und Société Générale Group S.A. sehen ein „buy“ als gerechtfertigt an; EADS sieht sich rückläufiger Verteidigungsausgaben und eine Abnahme der Kundennachfragen ausgesetzt, zudem sind Produktionsschwächen noch nicht abgestellt worden, was zu einem Imageproblem führt.

Lufthansa-Aktie Votum „buy“. Bei einem aktuellen Kurs von 9,20 EUR bewerten derzeit 21 Analysten bei Bloomberg die Lufthansa-Aktie mit „KAUFEN“ und 3 Analysten mit „HALTEN“. 3 Analysten setzen Lufthansa auf „VERKAUFEN“. Das 12-Monats-Kursziel auf Bloomberg liegt bei 11,33 EUR. Zwar ergibt sich aus dem Kursverlauf der LH Aktie, dass sie in den vergangenen 5 Jahren einen Großteil ihres Wertes einbüßen musste, diese Verwerfungen mussten indes nahezu alle globalen Carrier verkraften. Nach SWOT sollte die LH allerdings die Tiefphase mittlerweile erreicht und durchschritten haben, nach dem ersten Restrukturierungsschritt „Climb 2011“ setzten viele Analysten auf einen moderaten Anstieg des Kurses bei der LH Aktie.

Triebwerkshersteller Votum „buy“ – allerdings mit Einschränkungen. Favorit ist Rolls-Royce Plc. Aktionäre sollten hier aber folgendes beachten: C-Aktien-Anteile von RR sind rückzahlbare Vorzugsaktien von 0,1p von Rolls-Royce Holdings plc anstelle einer Bardividende: C Shares are redeemable preference shares of 0.1p each in the capital of Rolls-Royce Holdings plc (the Company). The Company will generally issue C Shares to its ordinary shareholders twice a year in lieu of a cash dividend. Although the Company does not pay a conventional cash dividend our shareholders are still given the opportunity to receive cash or additional Ordinary Shares.

Die Commerzbank hat die Einstufung für MTU nach einem Statement von Finanzchef Reiner Winkler auf „Buy“ mit einem Kursziel von 66,00 Euro belassen. Bei GE gilt es zunächst, die weitere Entwicklung abzuwarten. Analysten von Goldman Sachs und Nomura votieren für „buy“, dennoch sollte nicht übersehen werden, dass auf dem Höhepunkt der Finanzkrise Großinvestor Warren Buffett (Berkshire Hathaway) mit 3 Milliarden US-Dollar diskret GE aus einem Liquiditätsengpass hatte heraushelfen müssen. GE plant nach aktuellen Medienberichten strategische Übernahmen von mittelständischen Firmen aus Familienbesitz in Deutschland.

Tendenziell sollten Anleger immer berücksichtigen, dass die Entwicklung des Aktienkurses von Airlines von vielen Einflussfaktoren abhängig ist, die bei der Bildung einer Marktmeinung eine Rolle spielen können. Vergangene Wertentwicklungen sind in dieser Branche kein Indikator für die Zukunft. Ansteigende Treibstoffkosten, Steuerbeschlüsse für den Luftverkehr und das Ausbleiben von infrastrukturellen Maßnahmen durch politische Einflüsse können sich negativ auf den Umsatz und damit auf den Aktienkurs auswirken. Dessen ungeachtet ist die Aviation-Industrie eine hoch innovative und spannende Branche mit Zukunft.

Ein Gastkommentar von Sandro Valecchi, Analyst

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