Gastbeitrag: Die Schweiz öffnet die „Büchse der Pandorra“

Wenn Währungen in einer Woche Kursbewegungen von vier bis fünf Prozent hinlegen, muss etwas Besonderes passiert sein. Dies ruft nach Erklärungen. Oder Erklärungsversuchen. Bekanntlich hat die Schweizerische Nationalbank (SNB) am letzten Donnerstag den Zweihänder hervor genommen. Neben der erwarteten Senkung des Leitzinssatzes auf 0.25% überraschte vor allem die Ankündigung, mittels Interventionen am Devisenmarkt den Aufwärtstrend im CHF bekämpfen zu wollen. In den letzten sechs Monaten hatte der CHF gegenüber dem EUR um 7.6% aufgewertet.

Die Devisenmärkte haben heftigstens auf diese Meldung reagiert. Noch am Donnerstag verlor der CHF rund 3% gegenüber dem EUR. Die Woche beendete der CHF mit einer Tieferbewertung von 4.6%. Noch nie hat der CHF in einer Woche soviel gegenüber dem EUR verloren!

 

EUR/CHF (Quelle: www.netdania.com)

Mit dieser Ankündigung hat die Schweiz quasi die “Büchse der Pandora” geöffnet. Das Stichwort: “Competitive Currency Devaluation”. Worum geht’s? Wie drastisch die Massnahmen der SNB sind, macht der Beschrieb in John Mauldin’s wöchtenlichem Newsletter Thoughts from the Frontline deutlich: “This is tectonic. It is a game changer!” Unter Competitive Currency Devaluation versteht man die bewusste, gezielte Schwächung der eigenen Heimwährung, um den exportorientierten Unternehmen im eigenen Land das wirtschaftliche Umfeld zu verbessern, sie konkurrenzfähiger zu machen, die Exporte an zu kurbeln.

Dass die Schweiz diesen Schritt, diese Ankündigung im Alleingang vor nimmt, ist bemerkenswert. Seit 1992 (!) war dies die erste Solo-Intervention der SNB an den Devisenmärkten. Noch nie seit der Einführung des EUR hat die SNB eine solche Massnahme getroffen. Weiter: die letzte Währungsintervention eines G-10-Landes geschah 2003. Damals versuchte Japan, den JPY zu schwächen (ein Jahr später lag der JPY rund 6% höher…).

Und nun?
Tja, die Büchse der Pandora ist nun geöffnet. Welche Argumente sind noch gültig, um anderen Ländern die gleichen Massnahmen aus zu reden? Andere Länder werden nun die Schweiz als Begründung für eigene Währungsinterventionen benützen. Das Argument gegenüber China, den Yuan nicht mehr an den USD zu binden, verliert an Kraft. Und wieso sollten sich andere exportstarke Nationen (Japan, Korea, Taiwan) nun zurück halten? Wieso sollte irgendein Land seine Währung nicht schwächen dürfen, wenn’s die Schweiz tut?

Greg Weldon hat vor ungefähr fünf Jahren die Competitive Devaluation mit einem NASCAR-Autorennen verglichen. Ein Land (Rennwagen) reiht sich hinter das andere ein und versucht, vom anderen etwas Windschatten ab zu bekommen. Und immer schneller drehen sie im Oval… “Alle” Länder wollen ihre Währung gegen dieselbe Währung schwächer sehen. Gegen den USD! Weil die USA die grösste Volkswirtschaft der Welt sind, mit enormen Importen und einem privaten Konsum, der rund 70% des BIP ausmacht. Auch in angeschlagenem Zustand ist die US-Wirtschaft immer noch “a huge spending machine.” (John Mauldin)

Selbstverständlich hat auch der USD auf die Ankündigung der SNB reagiert.

 

USD/CHF (Quelle: www.netdania.com)

Der USD ist fundamental angeschlagen. Budget- und Handelsbilanzdefizit sprechen für eine schwache Währung. Seit letzten Sommer ist er aber (charttechnisch) in einem kurz-, mittel- und langfristigen Aufwärtstrend. Wie lange dieser dauert? So lange, bis er gebrochen wird…

Der USD ist die schwächste Währung… ausser allen anderen! Wir sollten uns darauf einstellen, dass der USD noch längere Zeit (bis weit ins 2010) aufwärts tendieren wird. Der Trend zeigt aufwärts, die neueste Entwicklung mit den Interventionen der SNB unterstützen diesen Trend. Ich hab’s hier schon mehrfach geschrieben: Überraschungen an den Finanzmärkten finden in der Regel in die selbe Richtung wie der Trend statt. Aber vorsicht, auch hier gilt: Risikomanagement betreiben, Stop Loss-Limite niederschreiben.

Politische Hintergründe?
Persönlich finde ich spanndend, dass die SNB diese Massnahmen just im Zeitpunkt ergreift, an dem zahlreiche Länder auf die Schweiz “einprügeln”. Vielleicht waren wirklich rein wirtschaftliche Überlegungen (Rezession, Deflation) massgebend. Vielleicht war dieser “Streich” aber auch politisch koordiniert. Aber die Beantwortung dieser Frage überlasse ich einem Polit-Blogger…

Quelle: von www.financeblog.ch

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