Wunschanalyse Bilfinger Berger AG

Bilfinger Berger AG (WKN 590 900, ISIN DE0005909006, Marktkapitalisierung: ca. 2,21 Mrd. Euro, ca. 3,05 Mrd. US$)


Firmenlogo Bilfinger Berger AG

DIE BAUBRANCHE, EIN SCHMUTZIGES GESCHÄFT

Vor drei Wochen noch hätte es mich nicht gewundert, wenn Deutschlands zweitgrößter Baukonzern Bilfinger Berger von den vielen Skandalen in die Knie gezwungen worden wäre. Doch das Krisenmanagement ist gut, die Fehler sind gut versichert und die Geschäftsbereiche, in denen solche Skandale immer wieder auftreten, gehören in dem Unternehmen schon zum Auslaufmodell – Geld verdient wird anderswo.

Doch schauen wir uns die Vorgänge einmal im Einzelnen an:

Vor einem Jahr stürzte beim U-Bahnbau in Köln das Stadtarchiv ein, zwei Menschen kamen ums Leben. Die Gründe für dieses Unglück sind bis heute nicht endgültig geklärt, es scheint sich um eine Verkettung unglücklicher Umstände zu handeln. Doch einer der Umstände ist der Diebstahl von Stahlträger-Bauteilen, die für die Statik wichtig waren, durch einen Mitarbeiter von Bilfinger Berger.

Seit diese Umstände vor einigen Wochen bekannt wurden häufen sich die Meldungen über Baupfusch, wobei inzwischen jedes Problem als Baupfusch dargestellt wird, bevor irgendeine Schuldfrage geklärt oder überhaupt gestellt wurde. So gab es Vorwürfe beim Bau der Hochgeschwindigkeitstrasse für den ICE zwischen München und Nürnberg. Und diese Woche schließlich kamen Vorwürfe über den Ausbau der A1 zwischen Hamburg und Bremen auf: der Oberflächenbelag löst sich stellenweise ab und gibt Schlaglöcher frei. Die Bahn ist noch nicht einmal fertig gestellt und schon treten so eklatante Mängel auf.

Doch wie gesagt, die Ursache ist noch nicht bekannt, die TU Darmstadt führt umfangreiche Untersuchungen durch und wird voraussichtlich im April ein Ergebnis liefern.

Es ist leicht, die Baubranche als schmutziges Geschäft zu verurteilen. Bei keinem anderen Geschäft kann man Mängel so klar beweisen und den Schuldigen ausfindig machen wie beim Geschäft mit den Steinen. Oder haben Sie schon einmal versucht, einen Berater für eine fehlerhafte Beratung verantwortlich zu machen? Es wird Ihnen nicht gelingen.

Weil das Baugeschäft relativ gut kalkulierbar ist und Wettbewerber sich im häufig nur noch über den Preis differenzieren wird nach immer neuen Mitteln gesucht, noch günstiger bauen zu können. Und dabei werden hin und wieder auch Irrwege beschritten. Von persönlichen Kontakten weiß ich, dass viele Projekte schon bei der Auftragsvergabe defizitär sind und nur über irgendwelche Tricks einen positiven Deckungsbeitrag erwirtschaften können.

Doch während die Baubranche derzeit als Ganzes verurteilt wird bemüht sich Vorstandschef Bodner um eine sachliche Aufklärung der Problemfälle. In einem Fall handelt es sich um persönliches Fehlverhalten. In einem anderen Fall forscht wie oben gesagt die TU Darmstadt nach den technischen Hintergründen. Solche Dinge werden gelöst und sollten somit in der Zukunft nicht mehr auftreten. Doch so komplex wie das Baugeschäft ist wird man immer wieder mit solchen und ähnlichen Problemen zu kämpfen haben.

eingestürztes Kölner Stadtarchiv

FINANZIELLE AUSWIRKUNGEN ZUNÄCHST BESCHRÄNKT

Wir fassen also zusammen: Probleme und Skandale wird es in der Baubranche immer wieder geben. Bei der Aufklärung zeigt sich Bilfinger Berger derzeit kooperativ. Der finanzielle Schaden für das Unternehmen sei, so Bodner, sehr beschränkt, da diese Fälle gut versichert seien. Es ist somit nicht zu fürchten, dass etwaige Schadensersatzforderungen das Unternehmen in eine finanzielle Schieflage bringen werden.

Doch so gut das bestehende Risiko auch abgeschätzt werden kann, für die Zukunft hat sich Bilfinger Berger in diesen Wochen nicht gerade empfohlen. Bei der Auftragsvergabe künftiger Bauvorhaben wird sich ein Bauherr sehr wohl an die Skandale um Bilfinger Berger erinnern, aber wohl kaum an das endgültige Ergebnis, zumal das noch lange nicht vorliegt. Sollte der Skandal um den U-Bahnbau in Köln tatsächlich ausschließlich auf das Fehlverhalten eines Mitarbeiters zurück geführt werden, so sollte man doch meinen, dass es genügend Sicherheitsstufen gibt, um eine solche Katastrophe zu vermeiden. Ein übler Nachgeschmack wird in jedem Fall bleiben, wenn nicht sogar die Vermutung, dass Bilfinger Berger die Qualität der Baustelle zu Gunsten von Kostensparmaßnahmen riskiert hat.

Es wird darauf hinaus laufen, dass der Imageverlust von Bilfinger Berger die Wettbewerbsposition des Unternehmens schwächt. Die Chance für Bilfinger Berger besteht höchstens darin, eine systematische Schwachstelle aufzudecken, die bei allen Wettbewerbern ebenfalls besteht, und ein verbessertes Projektmanagement einzuführen.

Doch genug spekuliert über undurchsichtige Machenschaften. Schauen wir uns die strategische Positionierung des Unternehmens sowie seine bilanzielle Situation an.

RADIKALER STRATEGIEWECHSEL ZU DIENSTLEISTUNGEN

Im Baugeschäft sind die Gewinnmargen klein und das Risiko ist groß. Herbert Bodner, Vorstandschef von Bilfinger Berger, hat das Unternehmen seit 19 Jahren kennen gelernt und führt es nun bereits seit 10 Jahren. Er versucht nun den Strategiewechsel für das Unternehmen umzusetzen: Weg von der gefährlichen und geringmargigen Knochenarbeit hin zu hochmargigen Dienstleistungen im Bausektor. Klingt für mich auf den ersten Blick sehr lukrativ. Während Planung, Projektkoordination und Bauaufsicht nur mit einem besonderen Know-How zu bewerkstelligen sind, kann die Durchführung von wesentlich schlechter ausgebildeten Arbeitskräften bewerkstelligt werden. So würde sogar das Risiko zu einem großen Teil abgewälzt werden. Und für den Rest gibt es Versicherungen, die ja heute schon intensiv genutzt werden.

Fraglich wird es nur auf lange Sicht, ob Bilfinger Berger seinen Vertragspartnern gegenüber ein speziellen Branchen Know-How glaubhaft vertreten kann, wenn das Unternehmen selber kaum baut. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg und der zweitgrößte Baukonzern Deutschlands wird sein Branchen Know-How auch mit Hilfe einiger Referenzprojekte unter Beweis stellen können.

Bilfinger Berger, Firmenzentrale in Mannheim

BEWERTUNGSNIVEAU ANGEMESSEN; GUTE DIVIDENDENRENDITE

Mit einem KGV von 12 ist das Unternehmen in meinen Augen bereits fair bewertet. Berücksichtig man dabei jedoch, dass schon heute die Dienstleistungssparte des Unternehmens den Löwenanteil zum Gewinn beiträgt – nämlich 238 Mio. der 250 Mio. Euro EBIT-Gewinn des Unternehmens im Jahr 2009. Und eben diese Dienstleistungssparte soll ausgebaut werden. So erwarten Analysten bereits im laufenden Jahr einen Gewinnanstieg auf 350 Mio. EUR (EBIT). Im kommenden Jahr 2011 wird jedoch nur noch ein weiterer Anstieg um 7% erwartet.

Das KGV 2010e beträgt derzeit 10. Die Bilanz sieht sauber aus, für 10 Mrd. Euro Umsatz benötigt das Unternehmen lediglich 550 Mio. Euro Nettokredite. Die Eigenkapitalquote liegt bei 18%. Zum Vergleich: Die von Hochtief steht bei 15%, der österreichische Wettbewerber Strabag steht wesentlich besser da mit 28%.

Attraktiv ist die Dividendenrendite von 4%. Für eine Aktie mit dem aktuellen Kurswert von 48 Euro werden 2 Euro Dividende für das Jahr 2009 vorgeschlagen und somit vermutlich im Frühjahr ausgezahlt. Der Cashflow je Aktie ist gut und dürfte somit auch künftig eine hohe Dividendenausschüttung ermöglichen.

FAZIT

Der Kurs der Aktie von Bilfinger Berger ist im Rahmen der gehäuften Vorwürfe der Pfuscherei von 56 Euro auf 45 Euro eingebrochen. Dadurch ist die Dividendenrendite nun außerordentlich hoch. Gleichzeitig baut der Konzern seine strategische Ausrichtung konsequent auf höhermargige Dienstleistungen um. Kurzfristig erwarte ich daher eine deutliche Aufhellung der Stimmung under den Anlegern. Sie können somit auf eine Gegenbewegung der Aktie nach dem Ausverkauf im Rahmen der jüngsten Vorwürfe spekulieren und verfügen durch die hohe Dividendenrendite über eine gute Absicherung des Kurses nach unten.

Vom aktuellen Kursniveau bei 48 Euro aus erwarte ich für eine Gegenbewegung einen Kurs um 52 Euro als maximales kurzfristiges Kursziel.

Mittel- und langfristig würde ich jedoch erst einmal abwarten, wie sich die Vorwürfe im Rahmen des Kölner U-Bahnbaus auf die künftige Möglichkeit des Unternehmens, Neuaufträge zu generieren, auswirken.

Über den Autor

Stephan Heibel ist Autor und Herausgeber des Heibel-Ticker Börsenbriefes, der wöchentlich kostenfrei per E-Mail verschickt wird. Darin werden die Hintergründe zu Kursbewegungen an den Finanzmärkten aufgezeigt und erklärt. Interessante Tradingideen werden daraus abgeleitet.

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