Wunschanalyse Amazon.com

Amazon.com Inc. (WKN 906 866, ISIN US0231351067, Marktkapitalisierung: ca. 71,07 Mrd. US$, ca. 52,40 Mrd. Euro)


Firmenlogo Amazon.com Inc.

DER HELIKOPTER FALCON-X

Ich möchte Ihnen anhand eines kleinen Erlebnisses zeigen, warum Amazon.com weiterhin Marktanteile gewinnt: „Ich habe schon mit unzähligen ferngesteuerten Helikoptern herum experimentiert“, sagte mein Freund an meinem Geburtstag im Sommer, „aber der hier ist der beste! Federleicht, einfach zu bedienen und dennoch unkaputtbar.“. Mit diesen Worten überreichte er mir das Geschenk und nach den ersten Testflügen teilte ich seine Begeisterung. Mir fielen gleich eine Reihe von Freunden ein, die sich bestimmt auch für diese Spielerei begeistern könnten.

Über Amazon.com fand ich den Helikopter sehr schnell und meine Überraschung war perfekt als ich den Preis sah: Nur 26 Euro und ein paar Zerquetschte. Da muss irgendwo ein Laster umgefallen sein, dachte ich mir, und vermutlich sind die Schachteln direkt in den Keller des Verkäufers, ein registrierter Shopbetreiber bei Amazon.com, gefallen.

Seither habe ich den Helikopter tatsächlich einige Male verschenkt. Ist ganz einfach: Als Lieferanschrift gebe ich da die Daten des Freundes ein, die Rechnung lasse ich direkt an mich schicken. Leider hat diese kleine Aufsplittung von Lieferung und Rechnung den Shopbetreiber überfordert: Der Beschenkte erhielt die Rechnung gleich mit. Kurze Zeit später wurde genau dieser Helikopter direkt von Amazon.com angeboten. Und siehe da: Die Lieferung erfolgt schneller und die Aufsplittung zwischen Lieferanschrift und Rechnungsanschrift funktioniert.

Manchmal kommt es eben vor, dass irgendein findiger Importeur im fernen Asien etwas entdeckt, das sich hier in Deutschland „wie blöd“ verkauft. Junge Väter erinnern sich an ihre eigene Kindheit und hätten sich ein solches Spielzeug damals gewünscht. Oder aber sie wollen sich auf die Pubertät ihres eigenen Nachwuchses vorbereiten, um dann nicht mit zwei linken Händen dazustehen und als „uncool“ zu gelten. Wie auch immer, manchmal verkauft sich also etwas wie geschnitten Brot – und zwar ganz überraschend.

DIE OFFENSICHTLICHEN AMAZON.COM-VORTEILE

Amazon.com hat eine Internetseite aufgebaut, die das Online-Einkaufen für viele internetaffine Menschen zur Gewohnheit werden ließ. Schön übersichtlich kann man alle Informationen zum Produkt anschauen, gefolgt von einigen Kundenrezensionen, die ein gutes Bild über die Zufriedenheit früherer Käufer abgeben. Die eigenen Daten hat man bei Amazon.com hinterlegt, so dass man beim Einkauf nur noch die Daten bestätigen muss. Das lästige Herauskramen der Kontodaten oder Kreditkartennummer bleibt einem erspart. Für ganz eilige gibt es sogar die Möglichkeit, ein Produkt mit nur einem Klick zu kaufen – es wird dann automatisch über die hinterlegten Zahlungsdaten beglichen und an die hinterlegte Adresse geschickt – über Nacht, wenn gewünscht.

Gleichzeitig kann man sich darauf verlassen, dass man bei Amazon.com einen recht günstigen Preis bekommt. Amazon.com ist zwar nicht immer der günstigste Anbieter, doch dafür fallen häufig keine Versandkosten an, was den Preisnachteil häufig aufwiegt. Und wenn Amazon.com doch einmal wesentlich teurer ist als ein anderer Online-Shop? Na, dann bekommt Amazon.com noch einen Vertrauensbonus, denn das Unternehmen ist vielen bekannt und hat den Ruf, Reklamationen kulant zu bearbeiten.

Diese für Kunden komfortable Online-Shopping-Seite stelle Amazon.com auch anderen Shop-Betreibern zur Verfügung. Man kann sich auch als kleiner Online-Shop bei Amazon.com als Partner registrieren und seine Produkte über die Amazon.com-Seiten anbieten. Bestellungen werden dann von Amazon.com an den Shop-Betreiber weitergeleitet. Für die weitere Abwicklung ist dann der Shop-Betreiber verantwortlich, der lediglich eine Vermittlungsprovision an Amazon.com zahlt.

Amazon.com kassiert also so etwas wie eine Ladenmiete – oder in diesem Fall besser eine Internetseitenmiete von anderen Shop-Betreibern, die ihre Produkte über die Amazon.com-Internetseiten vertreiben. Wem das nicht genug ist, der kann auch die Abwicklung an Amazon.com übergeben. Die Produkte werden dann vom Shop-Betreiber direkt an ein Versandlager bei Amazon.com geschickt und dort in die eigene Versandlogistik eingebunden. Der Shop-Betreiber spart sich also die gesamte Verkaufsabwicklung, er kann sich voll auf den Einkauf und das Finden neuer Ideen konzentrieren.

Amazon.com macht auf diese Weise eine Menge Umsatz: Zum einen mit den eigenen Produkten, zum anderen über die Provisionseinnahmen, die fast direkt als Gewinn verbucht werden können. Den Umsatz, der hinter den Provisionseinnahmen steckt, sieht Amazon.com ebenfalls. Dieser Umsatz läuft zwar nicht durch die eigene Bilanz, wohl aber durch die internen Auswertungssysteme.

DER NICHT OFFENSICHTLICHE AMAZON.COM VORTEIL

Und so kommt es, dass Amazon.com sehr schnell merkt, wenn irgendein neues Produkt ein Renner wird. Die Umsatzentwicklung aller Produkte kann ausgewertet werden. Und wenn es dort ein Produkt gibt, dass ordentliche Wachstumszahlen ausweist, dann könnte Amazon.com doch versuchen, selbst an den Hersteller heranzutreten. Dank der Umsatzentwicklung des Shop-Betreibers verfügt man schon über historische Werte, aus denen man eine Absatzprognose erstellen kann. Und damit kann man beim Hersteller anklopfen und nach einem vernünftigen Preis fragen.

Und so hätte es mich nicht überraschen sollen, das der Helikopter nach kurzer Zeit auch direkt über Amazon.com zu beziehen war. Etwa 34 Mrd. US$ wird Amazon.com im Jahr 2010 umsetzen. Alles über Einzelhandelsgeschäfte, also einzelne Produkte, die direkt vom Konsumenten gekauft werden. Man kann den Internetauftritt von Amazon.com auch als riesige Abstimmplattform betrachten, auf der die Menschen weltweit ihre Konsumpräferenzen nicht nur ankreuzen, sondern auch mit echten Zahlungen unter Beweis stellen. Diese Daten wertet Amazon.com aus und stellte so das Angebot von Morgen zusammen.

Vorteil beim Einkauf: Die geschätzten Verkaufszahlen sind präziser als bei fast allen Wettbewerbern. Vorteil bei der Abwicklung: Amazon.com kann „Just-In-Time“-Produkte abrufen, also den Lagerbestand relativ schlank halten. Das spart wiederum Kosten. So kann Amazon.com stets mit den günstigsten Anbietern Schritt halten und dennoch eine Gewinnmarge sicherstellen.

DIE GEWINNMARGE ALS STRATEGISCHE WAFFE

Die EBIT-Marge von 3,64% ist nicht gerade berühmt. Sie ist kaum vergleichbar mit den Gewinnmargen von Wettbewerbern, da es kaum ein zweites Unternehmen mit ähnlicher Produktpalette bzw. ähnlichem Geschäftsmodell gibt. Aber überall dort, wo es um Massenprodukte geht, sind EBIT-Margen über 5% kaum nachhaltig erzielbar.

Amazon.com weiß um die Vergleichsmöglichkeiten im Internet bestens bescheid. Wer ein bestimmtes Produkt kaufen möchte, der sucht nach diesem Produkte und bittet Preissuchmaschinen, den günstigsten Anbieter herauszufischen. Wenn dieser Anbieter dann das Produkt auch verfügbar und schon ein paar gute Bewertungen von anderen Käufern hat, dann sind viele Käufer gewillt, dort zu kaufen. Das softwaregetriebene Geschäftsmodell von Amazon.com ist in der Lage, in Zeiten von Konjunkturschwäche den Umsatz dadurch anzukurbeln, indem die Preise eben etwas wettbewerbsfähiger gewählt werden. Das Unternehmen verzichtet auf Gewinn, um seine Marktanteile zu verteidigen oder gar auszubauen.

Über Jahre hat Amazon.com Quartal für Quartal seine Anleger enttäuscht: Wieder wurde kein Gewinn erzielt. Die Gewinnmarge war hauchdünn und das eingenommene Geld wurde voll in die Softwareentwicklung gesteckt. Doch nur so konnte Amazon.com weiter wachsen und zum größten Online-Einzelhändler der Welt aufsteigen.

ZUVERLÄSSIGER UNTERNEHMENSGRÜNDER: JEFF BEZOS

46 Jahre ist der Gründer, Präsident, Aufsichtsratsvorsitzende und CEO von Amazon.com. Er hält rund 20% der Anteile, was einem Wert von ca. 14 Mrd. US$ entspricht. Sie kennen sicher viele schillernde Persönlichkeiten der Technologiebranche, doch von Jeff Bezos haben die wenigsten gehört – geschweige denn ein Bild vor Augen. 1994 gründete er Amazon.com als Online-Buchhandel und verfügte als einer der frühesten Internetunternehmen über ausreichend Barmittel von Direktinvestoren und dem Börsengang, um seine extravaganten Softwarevorstellungen zu verwirklichen.

Bereits 1997 kaufte Ihr Autor erstmalig bei Amazon.com. Nicht, um den Dienst zu testen, sondern einfach weil das gewünschte Buch dort günstig und schnell verfügbar war. Das sind auch die beiden herausragenden Merkmale, die ich bis heute für Amazon.com vergeben würde.

Jeff Bezos ist dickköpfig genug, um dem Wunsch der Anleger nach sprudelnden Gewinnen hinter die strategische Weiterentwicklung seines Unternehmens anzustellen. Der Aufschrei war groß, als der „Online-Buchhändler“ Amazon.com ankündigte, Lagerhallen im ganzen Land aufzustellen. Das hätte nichts mit einem Internet-Geschäftsmodell zu tun, kritisierten Analysten. Doch heute hat sich gezeigt, dass nur so eine schnelle und verlässliche Lieferung gesichert werden konnte, was bei den Kunden geschätzt wird.

Mit 46 Jahren ist Jeff Bezos noch sehr jung für die Größe des Unternehmens, das er geschaffen hat. Mit immer neuen Ideen weitet er den Umsatz aus. Das Umsatzwachstum beträgt meist 25% p.a., im laufenden Jahr zeichnet sich jedoch eher eine Zahl um 40% ab. Neue Produkte, zuletzt wurde an einem Lebensmittelshop gebastelt, der die gewünschten Lebensmittel nach Hause liefert, werden angeboten. Und natürlich auch neue Länder werden erschlossen. Wenngleich Jeff Bezos keinen so starken Personenkult betreibt wie Steve Jobs von Apple, so steht und fällt die Zukunft von Amazon.com dennoch mit seinem Engagement und seinen Ideen.


Amazon.com, Gründer und CEO, Jeff Bezos

BEWERTUNGSNIVEAU SEHR HOCH

Das KGV zu den Gewinnen der abgelaufenen vier letzten Quartale (ttm) beträgt 65! Aber auch wenn wir uns anschauen, was Amazon.com im Jahr 2011 wohl verdienen könnte, so bleibt das KGV 2011e bei stolzen 46. In guten Börsenphasen, derzeit haben wir meines Erachtens eine solche, sind Anleger bereit bis zu dem zweifachen des Wachstums für ein KGV anzulegen. Wenn Amazon.com also in den nächsten fünf Jahren um jährlich 25% wächst, dann ist für aggressive Anleger ein KGV von 50 vertretbar.

In schlechten Zeiten, wenn Anleger nicht Geld mit Wachstumsunternehmen verdienen wollen sondern lieber auf den Werterhalt von Anleihen und Gold sowie auf eine regelmäßige Auszahlung in Form von hohen Dividenden umsteigen, gibt es kaum ein Unternehmen, das ein KGV über 20 halten kann.

Sie sehen also, dass der Kurs die aktuelle Situation recht gut wiedergibt. Aus Börsensicht ist nun erst einmal nicht mehr viel Spiel nach oben. Sollte sich die Konjunktur jedoch eintrüben, dann gibt es das Risiko eines 50%igen Kursrutsches.

Die Chance besteht darin, dass Amazon.com schneller wächst als erwartet und dass der Gewinn überproportional ansteigt. Wenn die 40% Umsatzwachstum, die für dieses Jahr erwartet werden, im nächsten Jahr wiederholt werden können und gleichzeitig die Gewinnmarge relativ konstant bleibt oder sogar ein wenig größer wird, dann können Sie im nächsten Frühjahr einen Kurs der Amazon.com Aktie erwarten, der nochmals deutlich höher ist.

Nehmen wir also an, der Umsatz wächst 2011 von 34 Mrd. US$ um 40% auf 47,6 Mrd. US$ und die Gewinnmarge steigt von derzeit 3,64% auf 5% an (entspräche einem EBIT 2011e in Höhe von 2,38 Mrd. US$), dann würde dies zu einem KGV 2011e von 30 führen.

Ich kann derzeit keine Entwicklungen bei Amazon.com entdecken, die darauf hinweisen würden, dass das Umsatzwachstum von 40% nachhaltig gehalten werden kann. Vielmehr bleibe ich lieber bei den schon extrem hohen Umsatzwachstum von 25% p.a. als Schätzung und würde davon ausgehend auch ein KGV von 30 für das kommende Jahr als sehr sportlich bezeichnen.

Fundamental orientierte Investoren oder auch Value-Investoren, wie sie inzwischen auf Neudeutsch heißen, haben in der Amazon.com Aktie nicht mehr viel verloren. Das Bewertungsniveau ist so hoch, dass die Aktionäre meines Erachtens zu einem großen Teil aus Hedgefonds und Wachstumsfonds bestehen, die bei ersten Anzeichen einer Konjunkturschwäche dem Unternehmen den rücken kehren werden.

Aber die Aktie hat einen „Lauf“ und wer mit dem Finger am Abzug schlafen geht, der kann auf diesen Lauf aufspringen und gegebenenfalls noch deutlich höhere Kurse sehen. Sollte es Amazon.com bis zum nächsten Sommer erneut gelingen, auch für 2012 die Phantasie auf ein Umsatzwachstum bei 40% anzuregen, so dürfte die Aktie sodann nach obiger Formel doppelt so hoch stehen wie heute.

MEINE EINSCHÄTZUNG

Es ist wichtig zu verstehen, dass diese Aktie Ihre Altersvorsorge vernichten könnte, wenn Sie sie zu lange in Ihrem Depot halten. Es ist ein Zock auf eine anhaltende Konjunkturerholung. Ich gehe davon aus, dass QE2 (also die zweite Liquiditätsspritze des US-Notenbankchefs Ben Bernanke) zu einem Nachfrageschub führen wird. Schon in diesem Weihnachtsgeschäft wird sich meines Erachtens zeigen, dass sowohl die Konsumenten in den USA als auch die Konsumenten in Deutschland mehr einkaufen werden als vor dem Hintergrund all der in den Medien breitgetretenen Problemen zu erwarten wäre.

Und so könnte Amazon.com tatsächlich die bereits sehr hohen Umsatz- und Gewinnerwartungen nochmals übertreffen. Dies würde der Aktie nochmals einen Schub geben denn solange die Konjunktur gesund ist und das Wachstum stimmt wird von Spekulanten der Wertmaßstab „zweifache Wachstumsgeschwindigkeit als KGV“ angesetzt und da ist dann noch reichlich Spiel.

Wer auf diesen Lauf aufspringt, der muss jedoch permanent prüfen, wie wahrscheinlich es ist, dass Amazon.com auch im nächsten Monat erneut die Erwartungen übertreffen können wird. Denn endet der Lauf, also endet die Phase der positiven Überraschungen, dann fällt der Kurs schneller als Sie sich von der Aktie verabschieden können.

So würde ich der Aktie bis zum Jahresende noch ein Potenzial von weiteren 20% Kursgewinn geben. Das entspricht einem Kursziel von 140 Euro. Doch ich würde die Position mit einem engen Stoppkurs absichern und spätestens zum Jahreswechsel eine komplett neue Analyse anstellen. Im Zweifel würde ich zum Jahreswechsel die Position auflösen.

FAZIT: EIN WEIHNACHTSZOCK FÜR STARKE NERVEN

Wer starke Nerven besitzt, der kann mit Amazon.com auf ein überraschend starkes Weihnachtsgeschäft setzen. Das weitere Kurspotenzial beträgt meinen Berechnungen zufolge bis zum Jahresende knapp 20%. Das Risiko jedoch im Falle von enttäuschenden Meldungen oder einer Konjunktureintrübung beträgt 50%. Damit ist die Relation zwischen Chance und Risiko sehr nachteilig, ich würde diesen Zock daher nicht eingehen. Da habe ich Spekulationen mit besserem Chance/Risiko-Verhältnis in meinem Heibel-Ticker.de Börsenbrief.

Über den Autor

Stephan Heibel ist Autor und Herausgeber des Heibel-Ticker Börsenbriefes, der wöchentlich kostenfrei per E-Mail verschickt wird. Darin werden die Hintergründe zu Kursbewegungen an den Finanzmärkten aufgezeigt und erklärt. Interessante Tradingideen werden daraus abgeleitet.

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