Wunschanalyse: Amazon.com nutzt das Internet im Kampf um Einzelhandels-Marktanteile

Herzlich Willkommen zur Wunschanalyse von Sharewise in Zusammenarbeit mit Stephan Heibel vom Heibel-Ticker.de Börsenbrief (www.heibel-ticker.de) und Rainer Hahn von EMFIS.com. Unsere Mitglieder haben sich diese Woche eine Analyse des Versandhändlers Amazon.com gewünscht.

Amazon.com laut Sharewise.com:

Prognostiziertes Kursziel kaufen halten verkaufen
5 Mitglieder Ø 57,96 € (ca. 86,00 US$) 1 4
0 Analysten Ø kein 0 0 0

Amazon.com (WKN 906 866, ISIN US0231351067)


Firmenlogo Amazon.com

DER LETZTE ÜBERLEBENDE INTERNET DINOSAURIER

Amazon.com gehört schon zu den Internet-Dinosauriern: Riesengroß und uralt. Die meisten Dinosaurier sind inzwischen ausgestorben: AltaVista, AOL, Excite, Infospace, Inktomi… ein paar Letzte kämpfen noch ums Überleben, wie beispielsweise eBay und Yahoo!. Doch so schnell, wie man im Internet Erfolg haben kann, so schnell kann man seine Führungsposition auch wieder verspielen. Yahoo! hat es über Jahre nicht geschafft, den Offline-Werbemarkt auf das Internet umzuschreiben. Google hat dies mit AdWords geschafft, Yahoo! ist heute nur noch damit beschäftigt, Werbeplakate auf die langsam seltener werdenden Werbeflächen zu kleben (Banner).

eBay hingegen hatte sich eine Quasi-Monopolstellung für Online-Auktionen erkämpft. Doch statt das Auktionsgeschäft auszubauen wurden neue Abenteuer eingegangen: Skype wurde gekauft, Paypal als Zahlungsmittel groß gemacht. Insbesondere der Vorstoß in den Einzelhandel brachte neues Umsatzwachstum, zerstörte jedoch die für das Internet so typischen großen Gewinnmargen.

Amazon.com begann als Online-Buchhandel und fügt seither sukzessive neue Geschäftsbereiche hinzu. Dabei ist Amazon.com bis zum heutigen Tage stets seinem ursprünglichen Geschäftsmodell treu geblieben: Durch gute Kenntnisse über den Kunden kann Amazon.com extrem günstige Logistikkosten realisieren und bietet somit fast immer nahezu den günstigsten Preis für jegliche Produkte an.

Die Gründerzeit im Internet dauerte nur wenige Jahre. Schon ab Anfang 2000 ging der Eroberungskampf in einen Verteilungskampf über. Amazon.com hatte bereits große Marktanteile beim Online-Buchhandel erobert und Investoren wollten nun die Früchte ihrer Investition ernten. Doch Gründer Jeff Bezos hat sich von Anfang an mit seinen Investoren angelegt: Jahr für Jahr forderten sie, „abzukassieren“, die Gewinnmargen zu erhöhen und weniger zu investieren. Teilweise wurden diese Forderungen sogar quartalsweise auf jeder Analystenkonferenz nach den Quartalsergebnissen diskutiert. Doch Bezos, der selber mit über 20% größter Eigner von Amazon.com ist, investierte und investierte immer weiter in den Ausbau der Logistik sowie der Software. So ist Amazon.com heute komfortabel, informativ, günstig und schnell.

Das Resultat: Die operative Gewinnmarge ist mit 4,5% für ein Internetunternehmen extrem gering, doch für einen Einzelhändler in Ordnung. Und noch immer erobert Amazon.com weitere Marktanteile hinzu, Quelle und Karstadt haben dies am eigenen Leibe erfahren müssen. Längst erhalten Sie bei Amazon.com nicht mehr nur Bücher, sondern auch Elektronikartikel, Küchengeräte, Drogeriebedarf, Spielsachen, Baumarktartikel und Bekleidung.

Der geniale Schachzug von Jeff Bezos war, vielen Einzelhändlern Amazon.com als Plattform zur Verfügung zu stellen. Amazon.com hat da mit der Abwicklung nichts zu tun, das Unternehmen stellt lediglich die Platform und den rechtlichen Rahmen zur Verfügung. Doch alle Transaktionen laufen über die Amazon-Software und entsprechend lernt Amazon.com wieder mehr über die Vorlieben seiner Kunden. Und dieses Wissen kann Amazon.com sodann dazu nutzen, um die beliebtesten Produkte selbst anzubieten.

Denn je mehr Amazon.com über die Nachfrageseite weiß, desto gezielter kann es die Logistik, die Lagervorräte, die Produktzusammenstellung etc. danach ausrichten und desto günstiger werden die Stückkosten. Quelle und Karstadt sind nur zwei alte große Versandhändler, die nun die Tore schließen müssen. Kleine Einzelhändler müssen jedoch ihre Flexibilität nutzen, um immer wieder bessere Produkte und günstigere Preise anbieten zu können. Andernfalls werden auch sie von Amazon.com überrollt. Und für das Überrollen von unzähligen kleinen Einzelhändlern gibt es keine Schlagzeilen.

Amazon.com, Gründer und CEO, Jeff Bezos

DAS MANAGEMENT: JEFF BEZOS

Jeff Bezos ist heute 47 Jahr alt. Zwar entspringt er der Generation der Internetgründer, doch mit Turnschuhen und T-Shirt hat er niemals gearbeitet. Er war von Anfang ein Geschäftsmann, der mit Investoren knallhart verhandeln konnte und seine geschäftlichen Interessen zielstrebig verfolgt. Bezos ist keine markante Persönlichkeit, an der man Amazon.com aufhängen könnte, so wie Apple an Steve Jobs oder Microsoft an Bill Gates. Aber als Gründer, CEO, Präsident und Aufsichtsratsvorsitzender (ja, das geht in den USA in Personalunion) gibt es nichts bei Amazon.com, das nicht nach seiner Pfeife tanzt.

Anders als alle anderen Internetunternehmen hat er nicht die riesigen Gewinnmargen gesucht, sondern war von Anfang an clever genug zu wissen, dass er sich gegen die kleinen Margen der Offline-Welt behaupten muss.

Und anders als alle anderen Internet-Unternehmen hat Jeff Bezos nicht nur die kreative Gründungsphase geleitet, sondern managte auch erfolgreich den harten Verteilungskampf.

Und anders als alle anderen mir bekannten Internetunternehmen hat er sein Geschäftsmodell bis zum heutigen Tage nicht verändert. Er erweitert nur das Produktspektrum.

Der Erfolg des Internetunternehmens Amazon.com liegt also in meinen Augen zu einem großen Teil darin begründet, dass Bezos zwar das Internet nutzt, aber gleichzeitig die Offline-Welt versteht.

SAUBERE BILANZ ABER HOHES BEWERTUNGSNIVEAU

Langfristige Schulden hat Amazon.com nicht, es liegen 4 Mrd. US$ liquide Mittel auf den Konten und jährlich kommen aus dem freien Cashflow weitere 1,7 Mrd. US$ hinzu. Beneidenswert. Der Umsatz wuchs in den vergangenen fünf Jahren mit durchschnittlich 25% p.a., diese Wachstumsrate wird auch für die kommenden 5 Jahre erwartet. Solange die Konjunktur stabil läuft ist ein KGV von bis zu 50 denkbar.

Derzeit notiert Amazon.com bereits auf einem KGV von 70. Auf Basis der Schätzungen für 2010 würde das KGV auf 50 fallen. Viel Spielraum für einen weiteren Kursanstieg gibt es da dann nicht mehr.

So ist auch das Bewertungsniveau mit einer Marktkapitalisierung von 50 Mrd. US$ für einen Jahresumsatz von 30 Mrd. US$ ein stolzer Preis. Da darf dann nicht mehr viel schief gehen bzw. viel Raum für positive Überraschungen gibt es nicht.

GUTES MOMENTUM FÜR DIE WEIHNACHTSZEIT

Der größte Teil des Jahresumsatzes wird auch bei Amazon.com in der Weihnachtszeit erzielt. Nachdem Amazon.com in den letzten Quartalen regelmäßig die Erwartungen um über 30% übertreffen konnte, rechnet man  auch für das laufende Quartal mit einem guten Ergebnis.

30% besser als von bezahlten, professionellen Analysten erwartet, ist schon eine gute Leistung. Diese Analysten beobachten den Markt und die Wettbewerber und ziehen daraus ihre Schlüsse. Sie sprechen mit dem Unternehmen und gleichen ihre Einschätzungen ab. Da gibt es nicht viel, was ein Unternehmen noch verstecken kann. Lediglich wenn das Unternehmen wesentlich besser abschneidet als die Branche kommen solche großen Überraschungen zustande.

Und dies ist Amazon.com wiederholt gelungen. Schauen Sie sich eBay an: Das Unternehmen versucht verzweifelt, den Umsatz seines Einzelhandelsnetzes zu steigern, doch als Auktionshaus ist das schwer. Darüber hinaus hat Amazon.com einfach eine gute Abwicklung und steht bei den meisten Produkten für eine schnelle, kostengünstige Lieferung ein. Da kann eBay nicht mithalten.

Solche Überraschungen sind in dieser Berichtssaison sonst nur Apple und Google gelungen. Nun gibt es eine Menge Hedgfonds und Momemtum-Jäger, die Aktien kaufen, die gerade „einen Lauf“ haben. Und bei Amazon.com stehen die Zeichen weiterhin auf grün, denn das Weihnachtsgeschäft steht vor der Tür.

Ich erwarte für die nächsten zwei Monate, dass Amazon.com, Apple und Google drei der wichtigsten Aktien an der Börse sein werden. Wann immer für den breiten Markt steigende Kurse erwartet werden, wird sich die spekulative Gemeinde der Trader auf diese drei Aktien stürzen, um möglichst überproportionale Gewinne einzufahren.

Dies wird solange funktionieren, bis eines dieser drei Unternehmen eine enttäuschende Meldung ausgibt, oder aber bis Weihnachten ist.

Werfen wir nun noch einen Blick auf die Charttechnik, wofür ich an meinen Kollegen Dennis Gürtler von Sharewise übergebe!

CHARTTECHNIK

In der heutigen Wunschanalyse geht es also um die Amazon-Aktie. Beginnen möchte ich die charttechnischen Besprechung mit dem langfristigen Rückblick, sowie dem mittelfristigen Ausblick. Aus den Tiefständen vom Dezember 2006 und 2009, sowieo den Höchstständen Ende 2008 hat sich ein mehrjähriger langfristiger Aufwärtstrend etabliert. Durch das mehrfache Testen der Trendlinien durch den Aktienkurs scheint daher eine gewisse Signikanz von den Linien auszugehen. Das mehrfach getestete Hoch aus den letzten Jahren der Aktie lag circa bei 100 US$ (Allzeithoch bei 114 US$ bis 115 US$). Im ersten Chart sehen Sie nun die längerfristige Entwicklung von 1999 bis zum heutigen Zeitpunkt. Der Chart ist auf Wochenbasis, somit repräsentiert eine Kerze die Handelsaktivitäten einer Woche.

Ausgelöst durch gute Quartalszahlen explodierte die Aktie förmlich, brach den langjährigen Widerstand und notiert momentan bei circa 117 US$. Jedoch befindet sich dort ein äußerst massiver Widerstand durch die langjährige obere Trendlinie (rechter roter Pfeil, Bild 1). Eine besondere Candlestick-Formation „Shooting-Star“ bestätigt die Wirksamkeit des Widerstandes. Auch der RSI-Indikator, sowie die Bollinger Bänder zeigen einen momentan stark überkauften Zustand an. Ebenfalls ist der Abstand des Kurses zur 200-Tage-Linie sehr  groß.

Amazon.com, Wochenchart in US$, 2001-2010

Auf mittelfristige Sicht bestätigt sich das Bild des überkauften Zustands. Nicht nur der bereits erwähnte Widerstand, sondern auch im Tageschart generieren MACD und RSI-Indikator ein mögliches Verkaufssignal. Dies bedeutet nicht, dass der langfristige Aufwärtstrend in Frage gestellt werden muss, dennoch sollte man vorsichtig sein, da die Aktie momentan ein erhebliches Rückschlagspotenzial in sich hat. Für die Stärke der Käufer spricht die Tatsache, dass der mehrwöchige  kurzfristige Aufwärtstrend sogar nach oben gebrochen worden ist. Des Weiteren muss ich der Vollständigkeit halber auch darauf hinweisen, dass mehrfache Kurslücken noch nicht geschlossen sind und sich ein großes Gap im Bereich von 57 US$ befndet. Ob alle Lücken nun restlos zwangsweise geschlossen werden, kann ich nicht beurteilen, dennoch muss ich im Rahmen einer umfassenden charttechnischen Besprechung auf das Risiko bezüglich dieser Gaps hinweisen. Um nun zu einem Fazit zu kommen, lässt sich resümierend sagen, dass von einem Kauf abgeraten wird und ich eher von fallenden Kursen ausgehe. Eine Verkaufsempfehlung spreche ich hiermit nicht aus, da der Aufwärtstrend relativ stark ist und reales Shorten gegen diesen starken Trend gefährlich sein könnte.

Amazon.com, Tageschart in US$, Mitte 2008-2010

Für Sie als Anleger gibt es mehrere wichtige Kursmarken, die Sie sich merken sollten, da man dann eventuell günstig diese Aktie erwerben kann. Starke Unterstützungen und mögliche Kaufgelegenheiten befinden sich bei folgenden Marken:  100 US$, 83 US$, 65 US$. Dort befinden sich teilweise gleitenden Durchschnitte oder wichtige Trendlinien, sowieo Unterstützungen, an denen man einen Kauf definitiv wagen kann. Temporär ist die Aktie jedoch in einem klar überkauften Momentum. Nach meiner Erfahrung besteht zwischen Aktien und den allgemeinen großen Indizes generell eine hohe Korrelation, so dass der Entwicklung wie z.B. eines Dow Jones Industrial Average’s auch eine gewisse Aufmerksamkeit gewidmet werden sollte. Beachten Sie beim Kauf der Aktien nicht nur die Major-Indizes, sondern schließen Sie bei der Analyse die Entwicklung von Hauptwährungen und anderen Basiswerten (Gold, Öl, NASDAQ, S&P500, Russell 2000) mit ein.

FAZIT

Bezos wird Amazon.com auch in den nächsten Jahren weiter ausbauen, das heutige Kursniveau wird sich sicherlich in ein paar Jahren als günstig herausstellen. Doch mittelfristig ist der Kurs zu stark angesprungen: Ein KGV 2010e von 50 ist selbst für einen Branchenführer zu hoch.

Kurzfristig hat Amazon.com die Trader-Gemeinde hinter sich, denn das Unternehmen bringt all das, was sich ein Trader wünscht: Umsatzwachstum und eine wachsende Wachstumsgeschwindigkeit. Gewinnwachstum und auch dort eine wachsende Geschwindigkeit. Und auch die Gewinnmarge, wenn sie auch klein sein mag, wächst derzeit etwas an. So stehen die Zeichen auf Wachstum.

Doch wer den Markt des Einzelhandels kennt der weiß, dass die Margen nicht zu stark wachsen können und somit wird diese Entwicklung schon bald ein Ende haben. Kurzfristig kann man gerne in der Aktie spekulieren. Doch nach Weihnachten, vielleicht  schon ein paar Wochen zuvor, dürfte der Kurs seinen Wachstumspfad verlassen. Es stehen dann zumindest ein paar Quartale mit einer Seitwärtsbewegung bevor, wenn nicht sogar eine Korrektur folgt.

Über den Autor

Stephan Heibel ist Autor und Herausgeber des Heibel-Ticker Börsenbriefes, der wöchentlich kostenfrei per E-Mail verschickt wird. Darin werden die Hintergründe zu Kursbewegungen an den Finanzmärkten aufgezeigt und erklärt. Interessante Tradingideen werden daraus abgeleitet. Sie können sich unter

http://www.heibel-ticker.de

unverbindlich eintragen.

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Stephan Heibel

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